Zucht

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Die Nachzucht von Vogelspinnen ist nicht nur ein spannendes Unterfangen, sondern trägt auch dazu bei, Wildfänge in Grenzen zu halten. Vogelspinnen-Weibchen können je nach Art unterschiedlich viele Eier legen. Daher sollte man vor der Verpaarung wissen, worauf man sich einlässt. Bei manchen Arten liegt die Anzahl der Nachkommen pro Kokon im zweistelligen, bei anderen Arten aber auch gerne mal im vierstelligen Bereich!

Für eine Verpaarung braucht man selbstverständlich ein Weibchen und ein Männchen von der gleichen Art. Hybride sind nicht gern gesehen, daher werben einige Züchter auch extra mit artreinen Nachzuchten.

Geschlechtsbestimmung bei Vogelspinnen


Untersuchung der Exuvie


Die zuverlässigste Form der Geschlechtsbestimmung ist die Untersuchung der Exuvie, d.h. der alten Haut, nachdem sich die Vogelspinne gehäutet hat. Lässt sich in der alten Haut eine Spermathek erkennen, dann handelt es sich mit Sicherheit um ein Weibchen. Ansonsten mit aller Wahrscheinlichkeit um ein Männchen. Je nachdem, wie groß und wie gut die Exuvie erhalten ist, kann man die Spermathek entweder schon mit bloßem Auge erkennen, oder muss auf Hilfsmittel zurückgreifen (Lupe, Binokular, (USB-) Mikroskop).

Nasse Spermathek einer Brachypelma albopilosumGetrocknete Spermathek einer Brachypelma albopilosum


In der Regel ist die alte Haut stark zusammengefaltet und muss erst, nach kurzem Einlegen in Wasser, so gut es geht auseinander gefaltet werden. Äußerst hilfreich beim Einlegen ist der Zusatz von etwas Alkohol (z.B. ein paar Tropfen Mundwasser). Dadurch perlt das Wasser nicht mehr von der Exuvie ab, sondern wird schnell aufgesogen. Nachdem die nasse Exuvie auseinandergefaltet wurde, kann man sie noch trocknen lassen, damit sich die etwaige Spermathek besser abzeichnet.

ExuvieExuvieSpermathek


Äußere Merkmale


Bei einem Männchen werden nach der letzten Häutung (Reifehäutung) außerdem noch weitere Unterschiede deutlich. An seinen Pedipalpen befinden sich nun Bulben, mit denen es später das Sperma transportiert und die Spermathek des Weibchens befruchtet. Außerdem bekommen die meisten Arten Schienbeinhaken, mit denen sie die Giftklauen (Cheliceren) des Weibchens während der Kopulation blockieren können. Ein Männchen ist also erst nach seiner Reifehäutung adult/geschlechtsreif.

Schienbeinhaken und Bulben bei einem adulten Brachypelma albopilosum MännchenSchienbeinhaken und Bulben bei einem adulten Brachypelma albopilosum Männchen


Verpaarung von Vogelspinnen


Wie bereits erwähnt, ist ein Männchen nach seiner Reifehäutung adult und damit geschlechtsreif. Man spricht auch oft von einem "adulten Bock". Es wird sich nun höchstwahrscheinlich auf Wanderschaft begeben und ein Weibchen suchen. Bevor es sich jedoch mit einem Weibchen paaren kann, muss es seine Bulben mit Sperma füllen. Zu diesem Zweck baut das Männchen ein Spermanetz, legt sich darunter und drückt die Geschlechtsöffnung gegen das Netz. Nun kann es einen klebrigen Tropfen Sperma am Gespinst befestigen, welcher anschließend mit den Bulben aufgesogen wird.

Spermanetz einer Vogelspinne Manche Männchen sterben wenige Monate nach der Reifehäutung, andere leben noch ein ganzes Jahr oder sogar etwas länger. In dieser Zeit fressen sie deutlich weniger oder stellen die Nahrungsaufnahme komplett ein. Die Lebenszeit kann verlängert werden, indem man die Männchen etwas kühler stellt und sie direkt nach dem Aushärten gut füttert, da sie in dieser Zeit meist noch Futter annehmen.

Das ein Weibchen adult bzw. geschlechtsreif ist, erkennt man in der Regel nur daran, dass es einen Scheinkokon baut (ein leerer/unbefruchteter Kokon). Das passiert jedoch nicht immer, daher wird meist ab einer gewissen Körpergröße angenommen, dass das Weibchen nun geschlechtsreif ist und für eine Verpaarung in Frage kommt.

Vorbereitung


Vor der Verpaarung sollte das Weibchen sehr gut angefüttert werden. Dadurch erhöht man die Chance, dass das Männchen nicht bereits vor oder nach der Verpaarung vom Weibchen gefressen wird. Die letzte Häutung des Weibchens sollte nicht zu lange zurück liegen, da es sonst entweder nicht paarungsbereit ist oder nicht rechtzeitig vor der nächsten Häutung den Kokon bauen kann. Durch eine Häutung wird auch die Spermathek erneuert und damit wäre die Verpaarung umsonst gewesen. Lediglich bei Sickius longibulbi und Encyocratella olivacea ist eine Häutung kein Problem, da sie keine Spermathek besitzen.

Verpaarung


Kann die Verpaarung stattfinden, wird das Männchen in das Terrarium des Weibchens gesetzt. Fängt der Bock nach einer Weile an zu vibrieren, zu zittern und zu trommeln, dann ist das ein gutes Zeichen. Durch seine Chemorezeptoren hat er die Gegenwart des Weibchens bemerkt und macht nun auf diese Weise auf sich aufmerksam. Damit jedoch nicht genug, er signalisiert auch gleichzeitig seine Paarungsbereitschaft.

Verpaarung einer Grammostola pulchripes VogelspinneVerpaarung einer Grammostola pulchripes VogelspinneVerpaarung einer Grammostola pulchripes VogelspinneVerpaarung einer Grammostola pulchripes VogelspinneVerpaarung einer Grammostola pulchripes Vogelspinne

Kommt das Weibchen aus seinem Bau heraus und erwidert das Trommeln, so teilt es dem Männchen ebenfalls seine Bereitschaft zur Paarung mit. Hier ist das Verhalten je nach Art unterschiedlich. Grammostola pulchripes-Weibchen rennen zum Beispiel regelrecht auf den Bock zu, welcher nicht selten durch die stürmische Art des Weibchens überrascht ist und erst mal zurückschreckt. Bei anderen Arten lassen die Weibchen lieber das Männchen zu sich kommen.

Hat das Männchen den physischen Kontakt hergestellt, wird es versuchen, den Vorderkörper des Weibchens möglichst weit nach oben zu drücken. Dafür verwendet der adulte Bock seine beiden vorderen Beinpaare. Verfügt das Männchen über Schienbeinhaken, vereinfachen diese nicht nur das Hochdrücken des Weibchens, sondern blockieren auch gleichzeitig die bedrohlichen Beißklauen. Letzteres ist wichtig, denn nicht selten wird der Bock sofort oder nach der Paarung vom Weibchen gefressen.

Verpaarung einer Grammostola pulchripes VogelspinneVerpaarung einer Grammostola pulchripes VogelspinneVerpaarung einer Grammostola pulchripes VogelspinneVerpaarung einer Grammostola pulchripes Vogelspinne

Nachdem das Weibchen nun nach oben gestemmt wurde, versucht der Bock mit seinen Bulben, an der Unterseite des Weibchens in die Geschlechtsöffnung einzudringen. Dafür ertastet er mit seinen Pedipalpen die Geschlechtsöffnung des Weibchens, welche durch das Hochdrücken deutlich geöffnet ist. Nun wird meist abwechselnd und wiederholt der linke und rechte Bulbe eingehakt und das enthaltene Sperma in die Spermathek des Weibchens entladen.

Um nicht gefressen zu werden, wird sich der Bock nach dem Akt so schnell wie möglich vom Weibchen entfernen. Man sollte aus zwei Gründen auf diesen Moment vorbereitet sein. Zum einen kann der Bock plötzlich schnell wegrennen und bei seiner Flucht auch gerne mal aus dem Terrarium "springen". Zum anderen sollte man sich überlegen, ob man nicht mit einer langen Pinzette dazwischen geht und so das Männchen vor einem frühen Tod bewahrt. So lässt sich der Bock erneut verpaaren oder auch an einen anderen Züchter verkaufen, der ebenfalls ein Weibchen dieser Art besitzt.

Verpaarung einer Pterinochilus murinus TCF VogelspinneVerpaarung einer Pterinochilus murinus TCF VogelspinneVerpaarung einer Pterinochilus murinus TCF Vogelspinne


Nach der Verpaarung


Das Weibchen kann nach der Verpaarung weiterhin gut gefüttert werden, damit es jederzeit genug Energiereserven für die Eiproduktion hat. Bis es einen Kokon baut können mehrere Monate vergehen, in dieser Zeit sollte das Weibchen nicht gestört werden.

Klimasimulation


Bei einigen Arten ist es außerdem sehr schwer, überhaupt einen Kokon zu bekommen, da die Weibchen ihn nur unter bestimmten klimatischen Bedingungen bauen. Für den Züchter kann das bedeuten, dass er im Laufe des Jahres entweder eine Trockenphase, Regenzeit, bestimmte Temperaturverhältnisse oder gar einen Winter simulieren muss. Die Haltungsparameter sind bei solchen Arten also wichtig, um das Weibchen in Stimmung für den Kokonbau zu bringen.

Kokonbau


Für den Kokonbau zieht sich das Weibchen in der Regel in seine Höhle zurück und versiegelt den Eingang mit einem Gespinst oder einem Haufen Erde, so wie es auch oft bei einer anstehenden Häutung der Fall ist. Dort legt es dann seine Eier in eine Gespinstwanne ab. Die Eier befinden sich in einer Flüssigkeit und werden erst bei der Eiablage durch das "Vorbeirutschen" an der Spermathek bzw. erst zusammen mit dem Sperma in der Gespinstwanne befruchtet. Nach der Ablage überzieht das Weibchen die Eier mit Spinnseide und faltet die Gespinnstglocke zusammen. Durch weiteres Umspinnen entsteht der mehr oder weniger symmetrisch runde Kokon.

Brachypelma albopilosum Vogelspinne mit KokonBrachypelma albopilosum Vogelspinne mit KokonBrachypelma albopilosum Vogelspinne mit Kokon


Bei einem Kokon, den das Weibchen fest im Unterschlupf integriert spricht man von einem stationären Kokon, der nicht vom Weibchen getragen und gewendet wird. Pro Kokon können je nach Art Eier im zwei (z.B. Poecilotheria metallica) bis vierstelligen Bereich (z.B. Acanthoscurria geniculata) enthalten sein. Es kann allerdings passieren, dass der Kokon vom Muttertier gefressen wird. Bei manchen Arten ist das eher die Ausnahme, bei anderen geschieht es öfters (z.B. Megaphobema robustum). Die Gründe können vielfältig sein (falsche Haltungsbedingungen, Störung des Weibchens, gammliger oder unbefruchteter Kokon).

Zeitigung und Vereinzelung


Bei idealen Haltungsbedingungen haben sich im Kokon nach ein paar Wochen aus den Eiern die (Prä-)Larven entwickelt (bei P. murinus z.B. nach 4 Wochen). Entweder man lässt nun den Kokon weiter beim Muttertier und stellt sich darauf ein, dass man dann am Ende die winzigen Nymphen einzeln aus dem Terrarium sammeln darf oder man entfernt den Kokon aus dem Terrarium und übernimmt selbst die Zeitigung. Bei Vogelspinnenarten, die stark dazu neigen, den Kokon zu fressen, sollte man eventuell sogar schon nach zwei Wochen den Kokon entnehmen und selbst zeitigen. Je früher man jedoch den Kokon entfernt, umso riskanter ist die Zeitigung, da man zum Beispiel selbst das mehrfache Wenden durch die Mutter simulieren muss.

Vogelspinnen Kokon / Nachzucht (Pterinochilus murinus Larven)Vogelspinnen Kokon / Nachzucht (Pterinochilus murinus Larven)Vogelspinnen Kokon / Nachzucht (Pterinochilus murinus Larven)Vogelspinnen Kokon / Nachzucht (Pterinochilus murinus Larven)


Das Muttertier wird nun wahrscheinlich mit den Kieferklauen den Kokon auflockern (bzw. man selbst sollte ihn aufschneiden und etwas auseinander falten), damit sich die Spiderlinge in die erste Fresshaut häuten können. In der ersten Fresshaut (1.FH) bzw. im ersten Nymphenstadium (N1) jagen die Spiderling das erste Mal selbständig andere Insekten. Jetzt sollte man sie zur Aufzucht bzw. zum Verkauf in kleine Plastikdosen/röhrchen vereinzeln.

Die Entwicklungsstadien bei Vogelspinnen



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